Wir freuen uns über Rückmeldungen zu unserer Arbeit. Allerdings erhalten wir immer wieder eine bestimmte Art von Zuschrift, die uns ratlos macht. Die Absender:innen beschweren sich darüber, dass die von uns verwendeten Schreibweisen mit Gendersternchen, Doppelpunkt oder Nennung beider Geschlechter unzumutbar und hässlich seien, dass wir damit die deutsche Sprache verhunzten und uns und den Lesenden generell keinen Gefallen täten.
Diese Zuschriften lassen uns jedes Mal irritiert zurück. Denn sie zeigen: Was für uns als Redaktion selbstverständlich scheint, ist es für einige unserer Leser:innen offenbar noch nicht.
Wir sehen es so: Wenn wir von Politikern, Wissenschaftlern und Aktivisten schreiben, dann schreiben wir über Männer. Das ist in vielen Fällen nicht zutreffend, denn in der Regel geht es bei solchen Pluralnennungen in unseren Texten auch um Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen. Und manchmal auch um Politiker:innen, Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen, also um Menschen, die sich nicht in die binäre Ordnung von entweder Mann oder Frau quetschen lassen wollen. Geschlecht kam noch nie in nur zwei Varianten daher, es ist ein Spektrum der Möglichkeiten.
Schon immer ist nicht für immer
Der Einwand, dies sei schließlich schon immer so gewesen und das generische Maskulinum eben die Norm, überzeugt uns wenig. Vieles, wofür wir uns einsetzen, war „schon immer so“ und wir akzeptieren es trotzdem nicht, weil es Menschen in ihren Grundrechten einengt. Sprache ist ein Experimentierfeld, sie entwickelt sich ständig weiter.
Das andere beliebte Argument derjenigen, denen das * oder der : zu anstrengend ist: „Es sind doch alle mitgemeint.“ Nur stimmt das leider nicht. Menschen haben bei der männlichen Form auch tatsächlich Männer vor Augen, das ist in vielen Studien belegt. Umgekehrt fühlen sich sehr viele Frauen und Menschen verschiedenster Geschlechter auch nicht „mitgemeint“, wenn sie mit „Kunde“, „Leser“ oder „Copyrightaktivist“ angesprochen werden.
Nicht zuletzt ist es eine Frage der Präzision klarzumachen, dass ein bestimmtes Programm nicht nur von Informatikern, sondern von Informatiker:innen geschrieben wurde – wenn es denn so ist.
Und zur Frage der Ästhetik nur so viel: Wir haben noch nie eine kritische Zuschrift erhalten, die sich beschwerte, dass wir von „simsenden Beamten“, „gebouncten E‑Mails“ oder der „Datenschutzgrundverordnung“ schreiben, dass dies eine Zumutung für die Lesenden sei. Wir hören diese Kritik ausschließlich, wenn es um geschlechtergerechte Sprache geht.
Das ist nicht zu viel verlangt
Wie wir sprechen und schreiben, spiegelt nicht einfach unsere Realität. Sprache prägt, wie wir denken, was wir sehen und für möglich halten. Wir wollen eine Gesellschaft, in der Menschen aller Geschlechter sichtbar sind und irgendwann kein Mensch mehr danach pfeift, in welcher Schublade jemand steckt, der gerade dies oder jenes tut.
Es gibt bei netzpolitik.org keine Regel dazu, wie Autor:innen diese Vielfalt in ihren Beiträgen sichtbar machen. Es steht den Autor:innen absolut frei so zu schreiben, wie sie wollen. Und trotzdem sind mittlerweile die meisten Texte mehr oder weniger geschlechtergerecht geschrieben. Das liegt daran, dass wir und unsere Autor:innen eine geschlechtergerechte Sprache für ganz normal und wichtig halten.
Der Grund dafür ist einfach: Wir können schlecht für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte kämpfen und dann einen elementaren Aspekt des Zusammenlebens einfach so unter den Tisch fallen lassen. Das wäre in unseren Augen ein Widerspruch.
Verlangen wir zu viel von unseren Leser:innen, wenn wir in unseren Texte ein * oder : verwenden, um die Vielfalt der Geschlechter sichtbar zu machen? Wir finden, das ist nicht zu viel verlangt. Denn es ist doch so: Unsere Leser:innen sind vielfältig, die Menschen, über die wir schreiben, sind vielfältig und deswegen sieht man das auch an unseren Texten. Wir finden, das ist nicht radikal. Das ist im Grunde selbstverständlich.
